Das Ende der Hörprobe: Spotify startet in Deutschland

Auf diesen Tag haben viele gewartet: Spotify ist ab heute in Deinem Land verfügbar. In Deutschland.

Jetzt in Deinem Land verfügbar

Ab heute können Musikfans auch in Deutschland mit Spotify langfristig kostenlos Musik in voller Länge streamen. War man bisher auf Hörproben zwischen 30 und 90 Sekunden, kostenpflichtige Streams, Kaufmedien oder youtube angewiesen, um Musik on Demand zu hören, geht das mit Spotify jetzt kostenlos. Zehn Millionen Nutzer weltweit (davon 3 Mio. zahlende) in 13 Ländern und 16 Millionen Titel dieser Partner machen Spotify zu einem der größten Musikstreaming-Dienste. Technisch basiert es wie schon die Napster-Frühform auf P2P (peer-to-peer), nur mit dem Unterschied, dass jetzt legale Server irgendwo in Schweden stehen und streamen, was das Zeug hält. Jedenfalls stellt man sich das so vor. Was ist nun so revolutionär an Spotify? Eigentlich gar nichts, und doch: alles.

Revolution 1: Gratis-Streaming

Gratis-Tracks on Demand in voller Länge gab es in diesem Umfang noch nie. Künftig wird sich niemand, der einen Track oder ein Album kaufen will, mit Hörproben zufrieden geben müssen. Musikschnipsel werden endlich überflüssig – mit weitreichenden Folgen. Man darf gespannt sein, womit Apple iTunes künftig ausstatten wird, um Abwanderung zu stoppen. Und wie lange die Musikabteilungen in Märkten wie fnac oder Saturn noch Scanner zum Abspielen dieser Hörproben installiert haben werden – oder wann sie sich selbst gleich mit abbauen. Schließlich verkauft Spotify auch Musiktitel. Spotify hat drei Nutzungsmodelle, die man – anders als bei anderen Streamingdiensten – nicht lange suchen muss: Hol Dir Spotify

  • Spotify free: 6 Monate unlimited, danach wohl 10 Stunden pro Monat, 6 Mal pro Titel.
  • Spotify unlimited (ohne Werbung)  4,99€ / Monat
  • Spotify premium (+offline +mobile)  9,99€ /Monat

Die Bezahlstruktur ist identisch mit der von Rdio, mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass Rdio keine Gratisvariante hat. Spotify free scheint langfristig kostenlos, wenn auch mit Einschränkungen. Die Veröffentlichung der gehörten Titel auf facebook ist per default aktiviert, lässt sich jedoch vom Benutzer abschalten. Das Gratishören wird somit schlicht durch Werbung erkauft – ein nachvollziehbares Modell. Sicher trackt spotify, was man hört, und wird diese Daten verarbeiten. Das ist bei anderen Streaming-Diensten aber nicht anders. Als alte lastfm-Hörerin stört mich dieser „Invest“ meinerseits nicht. Spotify funktioniert auch ohne Internet: Im Premium-Modus werden zuvor markierte Titel offline abgespielt – praktisch auf Parties oder Reisen. Die Musik wird „nicht heruntergeladen, sondern zwischengespeichert“ (wie lange hat der Übersetzer daran gefeilt?) – was bedeutet, dass die Tracks nur bei gültigem Account zugänglich sind (FAQ). Endet der Premium-Account, ist alles weg. „Zwischenspeichern“  hält 30 Tage. Alles in allem ein mehr als faires Angebot, dessen langfristige Gratis-Variante in der Tat eine „Revolution“ im Musikmarkt darstellt.

(Revolution 2: UX 2.0 – der mündige Kunde)

[Nachtrag vom 15.03.2012:

Leider muss ich diesen Absatz revidieren. Spotify bietet zwar 48 Stunden Premiumzugang ohne Verpflichtungen, die Verlängerung setzt aber die Eingabe von Kreditkartendaten voraus und muss aktiv gekündigt werden. Schade – da hat Spotify zunächst einen anderen Eindruck vermittelt.]

Hier der ursprüngliche Text:

In einem weiteren Detail ist Spotify anders: Da hat endlich jemand verstanden, dass man Kunden nicht mit „Abofallen“ begeistern kann. Testperioden, die ohne Kündigung in zahlungspflichtige Verträge übergehen, werden kaum langfristig zufriedene Kunden generieren. Spotify geht andere Wege: so erhielt ich durch das Laden der iPhone-App überraschend 48 Stunden kostenlosen Premium-Zugang, der per Klick um 30 Tage verlängert werden kann. Verpflichtungen entstehen dabei NICHT [Nachtrag: doch! Siehe oben] –  man muss im Unterschied zu anderen Musikstreaming-Diensten nicht kündigen, um dem späteren Abo zu entkommen. Und dies wird klar kommuniziert. Also habe ich bei Spotify geklickt. [Nachtrag: hat aber auf dem iPhone nicht funktioniert und nach 2 Tagen kommen Werbeeinblendungen.] Bei Simfy nicht: zu intransparent. Meist verpasse ich den Kündigungstermin und hasse den Anbieter dann dafür, dass er mir einen Monat in Rechnung stellt, den ich gar nicht wollte. Markenbildung funktioniert anders. Warum tun sich so viele damit schwer? Auch Rdio macht es in diesem Punkt richtig. Simfy, deezer und Napster leider nicht. Bei Napster läuft ohne Kreditkarte nicht mal die Probezeit an. Simfy und deezer halten sich über die Preise sehr bedeckt. Aus diesem Grund habe ich Simfy nie ausprobiert. Spotify und Rdio sind die einzigen Musikstreaming-Dienste, die Cluetrain verstanden haben. Hier zeigt sich, wie sehr diese im Web 2.0 zu Hause sind: der Wirklichkeit des mündigen Benutzers. Dafür ein dickes „Danke“!

Revolution 3: Social by design – das facebook Gefühl

Damit wären wir bei dem Schlagwort schlechthin, der „social DNA“.

Voraussetzung für die Nutzung von Spotify ist ein facebook-Account. Wen das stört oder wer nicht bei facebook ist, kann andere Musikdienste nutzen (siehe „Wettbewerber“). Die Verknüpfung mit facebook lohnt sich hier mal wirklich; geht sie doch weit über das „Titellink teilen“ hinaus. Die facebook-API wurde hier konsequent genutzt. Die facebook-Freunde werden im Spotify-Player mit Profilbild angezeigt. Man sieht, was sie hören, kann Tracks direkt versenden und welche erhalten (das Spotify-Postfach zeigt dann mit Musiktitel und Absender – nett). Playlisten oder Tracks lassen sich in der eigenen facebook-Chronik, auf Twitter oder per Windows Messenger teilen. Im Spotify-Universum geht alles nahtlos und leicht. Und genau darin liegt die Magie. Es fühlt sich an „wie facebook, nur mit Musik“. Einem Freund zu sagen, „hör mal hier rein„, war noch nie einfacher und eleganter als mit Spotify.

(Mit youtube ging es auch – wenn nicht gerade Rechte „in Deinem Land“ fehlten, der Flash-player ein Update brauchte oder das Video vom Besitzer entfernt wurde.) Auch Spotify scheint sich mit der GEMA noch nicht ganz einig zu sein: Spotify startet ohne Einigung mit der Gema (br) – es bleibt abzuwarten, ob sich die Musikindustrie endlich überzeugen lässt, dass Verbreitung mehr zum Umsatz beiträgt als Verschluss. Bestes Beispiel: binnen einer Stunde habe ich heute eine Neuvorstellung gesehen, angehört und Konzertkarten für diesen Samstag gekauft.

Virales Design par excellence?

Die Möglichkeit, youtube-Videos auf myspace und anderen Seiten einzubinden, hat youtube (und myspace) damals groß gemacht, wie Florian Bailey in seinen Beiträgen zum „viralen Design“ sehr schön beschrieben hat. Spotify hat facebook tief in seine Benutzeroberfläche integriert. In der „was Freunde hören“ Liste stehen Meldungen wie „Geteilte Musik macht mehr Freunde, Sende Musik an [name facebook-Freund]“. Dabei ist nicht ersichtlich, ob diese Person bei Spotify ist. Wenn nicht, erhält sie den Track als facebook-Message und erfährt so von Spotify. Um den Track zu hören, meldet sich der Empfänger per facebook auf Spotify an – und schon hat Spotify einen Benutzer mehr. Genau so lief es bei mir mit einem facebook-Freund, der durch den gesendeten Track zum Spotify-Nutzer wurde.

Natürlich könnte man die Viralität noch stärker ins System integrieren. So fehlt derzeit die  Möglichkeit, Playlisten gemeinsam zu gestalten. Tracks könnten an mehrere Freunde gleichzeitig gesendet und in facebook Events integriert werden.

Gibt’s das nicht schon irgendwie? Die Wettbewerber:

Wer nicht zu den 20 Millionen in Deutschland gehört, die auf facebook sind, hat eine große Auswahl an anderen Musikstreaming-Diensten mit Millionen von Titeln: Napster (15 Mio. Titel), last.fm (80 Mio. Titel, davon 7 Mio fürs Radio – was immer das bedeutet), Simfy (16 Mio. Titel), Rdio (12 Mio. Titel) und deezer (15 Mio Titel) gibt es in Deutschland schon lange. Aber keiner hat kostenlose Angebote, die über einen Probemonat hinausgehen. Zudem sind die Preise nur mit viel klicken, nicht aber bei der Anmeldung ersichtlich. Ein diffuses „30 Tage kostenlos“ verwirrt – was kommt danach? Wie viel kostet es? Das schafft kein Vertrauen. Rdio hat seine Hausaufgaben gemacht – soweit ersichtlich, ist kein automatisches Abo mit dem Probezeitraum verknüpft. Bei Simfy ist es unklar. Anders als bei Napster muss man nicht seine Bankverbindung angeben, um sich zu registrieren. Napster bietet lediglich eine Testphase, die ohne Kündigung automatisch in ein Abo übergeht. Immerhin bieten auch Napster, Simfy und deezer das Teilen von Musik via facebook und twitter an. Leider wird – zumindest bei deezer – dabei der aktuell gehörte Titel UNTERBROCHEN und zum nächsten gesprungen. Spass macht das nicht.

Spotify vs. Napster

Schon seit Jahren bietet das kommerzielle Napster (dieses) Streaming von Musik in voller Länge an – zu ähnlichen Bezahlmodellen, jedoch ohne langfristige Gratis-Option. Die Unterschiede sind darüber hinaus erheblich – in der Herangehensweise an den Kunden. Napster kommt zwar aus dem Web 2.0, wurde aber durch die neuen Eigentümer „einsnullisiert“ – der soziale Aspekt des Tauschens oder gemeinsamen Hörens spielt kaum noch eine Rolle. Spotify ist aus dem Web 2.0 entstanden. Napster hat nunmehr überhaupt keine ’soziale DNA‚ – der Teilen-Mechanismus trägt die riesige Überschrift „wenns sein muss“…

last.fm reloaded?

Das Gefühl des gemeinsamen Musikhörens gab’s schon bei last.fm (wer es von früher kennt, lieber nicht den Link anklicken. Es ist grauslig.) In den Anfängen konnten wir dort die gehörte Musik in eine Datenbank streamen (’scrobbeln‘), die als „Radio von X“ von anderen gehört werden konnte. Kostenlos und in voller Länge. Nur nicht on-demand. Neu waren die Buttons „Love“ und „ban“ (nie wieder spielen) – damit konnte man das Radio  optimieren und seine Meinung zu einzelnen Tracks pragmatisch mitteilen, ohne komplizierte Bewertungen zu schreiben oder 1-5 Sterne zu vergeben. Das war wirklich revolutionär. Nach der Übernahme durch CBS wurde last.fm unsexy, kompliziert, kommerziell. Spotify ist, was last.fm heute hätte sein können – bis auf die „love“ Buttons. Die fehlen.

Es geht immer besser: Ein bisschen Kritik

Der soziale Fokus, die Spalte bei Spotify, in der Aktivitäten der Freunde ablaufen, ist unsexy umgesetzt: „xxx hat sich zzz von yyy angehört“  ist schlicht zu viel Text. Die „love“ und „ban“-Knöpfe vermisse ich. In der mobilen Version kann man immerhin ein Favoriten-Sternchen vergeben. Aus diesen Favoriten eine Playlist zu basteln läge nahe – dieses Feature habe ich jedoch noch nicht gesehen ist unter „starred“ auch integriert, jedoch im Gegensatz zu lastfm „herzlos“. Ebenso fehlt die Möglichkeit, facebook-Freunde auszuwählen und etwa deren Musikprofil in Form einer Hör-Historie abzurufen, wird mit „Top Tracks“ und „Top Artists“ abgebildet. Es bleibt auch abzuwarten, wie der Dienst den Nutzergeschmack verwendet. Das konnte last.fm wirklich gut. Spotify sollte da mehr bieten können, als playlists anderer Nutzer abzuspielen.

Spotify ist also nichts wirklich neues, hat aber die Puzzleteile zum derzeit besten sozialen Musikerlebnis zusammengefügt. Von allen Anbietern hier im Check hat Spotify die beste user experience; die tiefste Integration von facebook, die nahtloseste Verbindung zum Freundepool. Der Umstand, dass es kostenlos ist und einfach zu bedienen, wird zur rasanten Verbreitung beitragen. Gängige Nutzungssituationen wie mobile und offline sind abgedeckt. Auch die eigene Musiksammlung von der Festplatte oder iTunes wird im Spotify Player integriert. Gute Chancen also, dass Spotify zum zentralen Musikplayer wird und damit selbst iTunes und seine 90-sekündigen Hörproben ablöst. Chapeau, ihr Schweden!

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