Mit der Klobürste durch Charlottenburg

Das war es also, mein erstes barcamp, und gleich ein großer Erfolg.

Erfolg deshalb, weils mir gefallen hat und ich mit vielen Denkanstößen und neuen Kontakten heim gefahren bin. Und nein, ich bin nicht eingeschlafen und habe mich keine Minute gelangweilt. Dazu haben beigetragen:

  • der Ablauf der Veranstaltung – Selbstorganisation (das Orga-Team wird hysterisch lachen) und Selbstverantwortung – jeder konnte zum Gelingen beitragen oder es lassen
  • die Teilnehmer – sehr aufgeschlossen und nett. Keine Wichtigtuer (außer mir selbst vielleicht)
  • die Stimmung – toll, aktiv, „heiß“ im Sinne von „was bewegen wollen“, aber dennoch entspannt. Das klingt abgedroschen, ist aber im Vergleich zu klassischen Konferenzen eine Wohltat. Niemand musste was beweisen. Das intendierte Klima „voneinander lernen in offener Umgebung“ hat hingehauen.
  • die Inhalte – große Bandbreite der Themen rund um Community Management
  • die Wirkung – Inspiration und Motivation bei mir und bei den meisten anderen Teilnehmern

Unvergessen der abendliche Streifzug durch Charlottenburg mit der Klobürste aus dem crowdsourcing-Innovationsprojekt von Tchibo. Ein herrliches Sinnbild für diese „Un“Konferenz… aber der Reihe nach.

Wie es lief

Da es mein erstes Barcamp war, stand ich wie befohlen am Samstag pünktlich um 8.30 Uhr auf der Matte, um meine Mitarbeit anzubieten. Es waren schon an die zehn bis zwanzig Leute da, werkelten fleißig Namensschilder, Raumpläne, Garderobe, Frühstück und vor allem Kaffee. Lukas hatte in aller Frühe an die zehn Senseo-Maschinen aufgebaut und half mir, den ersten Kaffee zu bauen (Sorte „kräftig“). Nach ein paar Gesprächen zum Warmwerden, leckerem Frühstück mit muesli2go und erfolgreichem WLAN-Anschluss ging es alsbald los. Ich hätte auch am selben Morgen anreisen können und wäre noch pünktlich zum Beginn da gewesen, aber diese langsame Einstimmung war genau richtig.

Gegen 10.30 Uhr ergriffen Vivian und Oliver das Mikro und Wort. Nach einer kurzen Begrüßung starteten wir mit einer Mini-Vorstellungsrunde: Name, Interessen / Beschäftigung und 3 tags, die die Person (oder Mission auf diesem Camp) beschreiben. Die häufigsten Tags waren, o Wunder, Community, Web 2.0, und Social Media.

Bild 52

Vorstellungsrunde der Teilnehmer: tagcloud (ungefähr)

Dann standen die Leute vor dem Mikro schlange, um ihre Sessions vorzustellen. Das Interesse und der „Raumindikator“ wurden sogleich per Handzeichen abgefragt. Räume hatten wir reichlich: 2 kleine und 2 große „Klassenzimmer“ der cimdata Medienakademie standen zur Verfügung. Nun noch die Sessions auf den Stundenplan verteilt und um 11.00 Uhr startete die erste Runde.

Am ersten Tag entschied ich mich für folgende Sessions.

Motivation bei Communitymitgliedern (Frank Oetke)

Frank Oetke stellte 16 Motive zur Diskussion, die er bei Communitymitgliedern identifiziert hatte. Als 17. Motiv wurde in der Runde „Aggressionsabbau“ genannt. Es gab zum teil intensive Diskussionen über Definitionen und Bewertung von Macht. Alle 16 Motive überarbeitet gibt es auf Franks Website. Hier ein paar Punkte aus der Diskussion:

  1. macht, leistung, führung – rolle als moderator, admin
    Diskussion: macht ist „schlechtes“ motiv für einen moderator? Sondern vermitteln. – Nein, macht muss doch nicht mißbraucht werden, sondern kann auch ausgeübt werden, Ordnung herzustellen. Streben nach Führung und Leistung, aktive Rolle übernehmen. Oder Macht als „unterkategorie“ von Status.
  2. Unabhängigkeit, Freitheit, Autarkie, Selbstgenügsamkeit
    Individualität, Flexibilität haben um im System was zu verändern.
  3. Streben nach Wahrheit, Neugier
    Wikipedia auf der einen Seite, Exklusivität auf der anderen. Neugier = neue Leute kennenlernen, oder alte Klassenkameraden wieder treffen.
  4. Anerkennung und Bestätigung
  5. Ordnung und Kontrolle, Streben nach Planung
    Welche Communityinstrumente können greifen? – z.B. bei Facebook bestimmte Gruppen bilden (Freunde, Schule, Uni, Kindergarten, … Listen), Kontrolle der Privaten Daten, der eigenen Darstellung – Grund zu bleiben: Illusion der Kontrolle. Streben nach Klarheit: Begründung für das Handeln von Mods (Löschen). Selbstdarstellung „anders als man ist“ – spielen mit Identitäten, „Schizophrenieschmiede“.
  6. Sparen, Sammeln und Sicherheit.
    Kann mich ne Community da befriedigen? Tags, geschriebene Beiträge. Kommerzielle Hintergründe: Daten sammeln. Twitterfollower, Freunde sammeln. Fotos sammeln, Musik, Konzertvideos.
  7. Ehre, Zweck- und Zielorientierung
    Netiquette – Festlegung und Umsetzung. Zielorientierung = Fokussierung (kein schreddern)
  8. Idealismus und Gerechtigkeit

Hate speech in Communities (Birte Goldt)

Die Session von Birte Goldt war exzellent vorbereitet – ich hoffe, Birte stellt ihre Slides noch ins Netz, in denen sie eine Menge Informationen über die Rechtslage, Studien und Definitionen von Rassismus, Verleumdung etc. zusammen getragen hat. Nach der ersten Tonne Informationen wurden die Teilnehmer unruhig und wollten diskutieren, ihre Erfahrungen austauschen und ich glaube, sich auch mal einfach „auskotzen“, denn das Thema lässt keinen kalt, ob Community Manager, Moderator oder Mitglied. Dieser Teil kam etwas zu kurz. Ein noch theoretisches Thema „Wie wehre ich mich dagegen, bei Twitter auf Idiotenlisten zu stehen“ wurde kurz andiskutiert und dann gings zum Essen. Was ich hier mitgenommen habe ist, dass Communities halt ein Spiegel der Gesellschaft sind und keine „Insel“ Die Studien waren interessant, aber der Erfahrungsaustausch der anwesenden Communitymanager wäre sicher auch spannend gewesen.

Lasst uns Freunde sein – Organische Netzwerke (Olivio Sarikas)

Auf die Session „Lasst uns Freunde sein – Organische Netzwerke“ von Olivio habe ich mich besonders gefreut, da es hierzu schon eine Diskussion im Vorfeld gab. Hoffe, das Video von der Session ist was geworden. Als Grundthema ging es um „micro contributions“ in Netzwerken- hier mal ein Post, dort mal ein Link, Foto oder Kontakt. Organisches Netzwerken ist mit unserem Leben verwachsen und im Alltag integriert. Das heißt, künftig wird derjenige gewinnen, der es schafft, die vielen Netze just in time and place zu bündeln.

Ich meine, dass Netzwerke künftig stärker dazu genutzt werden, Informationen zu filtern, um relevantere Ergebnisse zu bekommen. So würde ich z.B. zunächst Restaurantempfehlungen von Menschen lesen, mit denen ich bereits verbunden bin (LinkedIn, XING, facebook, twitter oder eine community). Diese dürften relevanter sein als Empfehlungen von Unbekannten. Daraus erwächst eine neue Herausforderung für Communities: Schnittstellen zu anderen Services zu schaffen und die Vernetzung untereinander zu fördern. Communities und Netzwerke erfahren so stets aufs Neue eine Aufwertung, indem die aufgebauten Beziehungen auf andere Kontexte ausgeweitet werden. Ich jedenfalls möchte weder bei jedem neuen Service neue Netzwerke aufbauen, noch will ich in meinen bestehenden Netzwerken auf bestimmte Bereiche beschränkt sein. Das Portieren von Netzwerken in andere Kontexte wird meiner Meinung nach der Schlüssel zum Wachstum sein. Facebook macht es mit „connect“ bereits vor: Community interfaces werden gebraucht!

tchibo-ideas (André Albrecht und Marcus Bader)

Seit dem ‚kontroversdiskutiertenAlphablogger-Mailing“ und dem hochgebuzzten Start  sind anderthalb Jahre vergangen, seit der Präsentation auf dem letzten community camp 12 Monate. Was war erreicht worden? Nachdem die Ansätze und Verfahren nochmal kurz vorgestellt waren (Alltagsprobleme lösen, Vorschläge einreichen, Community Abstimmung, Produktionsentscheidung) stand die Frage im Raum, ob das ein echter crowdsourcing-Ansatz ist oder letztlich eine PR-Aktion. Wie ernst meint es tchibo-ideas? Ich bin bei inszenierten Socialmedia Geschichten immer extra kritisch: Fühlt es sich echt an? Kann man sich darauf einlassen? Die Teilnehmer konnten: Die Mitgliedszahlen liegen bei  7.000, was mich ein bisschen überrascht. Wie auch immer. Für mich überzeugende Aspekte sind bei tchibo-ideas:

  • Ideensuche passt zum Markenclaim „Jede Woche eine neue Welt“
  • Crowdsourcing wird als Botschaft konsequent durchdekliniert, auch auf der Verpackung

Die Vorlaufzeit beträgt etwa ein Jahr, gerade sind die ersten Produkte vom Band gerollt. Am Schluss gings rund: André und Marcus ließen die Katze aus dem Sack bzw. die Klobürste kreisen.

crowdsourcing als Botschaft: tchibo-ideas "Produkt von Peter Franke"

Community & Recht (Thomas Schwenke)

Eine spritzige Session am Nachmittag, in der Rechtsanwalt Thomas Schwenke die juristischen Fallstricke, Anforderungen und Möglichkeiten in communities am Beispiel der AGB durchging. Fazit: die richtigen AGB ersparen dem Community Manager so manches Kopfweh, vergrößern seinen Handungsspielraum und bringen Transparenz in das Miteinander, was auch der Community-Kultur zugute kommt. Als alte Forengängerin kannte ich die meisten kritischen Situationen, von denen Thomas sprach, aus der Praxis. Gut gelöst hat diese Fallstricke meiner Meinung nach das Forum IOFF.de, das nach jahrelanger Erfahrung umfangreiche Regeln aufgestellt hat, auf die sich das Moderatorenteam berufen kann. Die AGB-Session von Thomas war sehr gut strukturiert, kurzweilig und aufschlussreich. Danke!

Thomas hat seine slides mit einer audiospur (!) versehen und hochgeladen sowie ein sehr schönes Interview (Podcast) gegeben.

Money Talk – Monetarisierungsmodelle (Oliver Ueberholz)

Auch die letzte Session des Tages war hervorragend besucht. Geschätzte 75% der Anwesenden Teilnehmer haben denn auch einen Premium-Account bei XING. Oliver stellte Communities vor, die Geld verdienen, darunter habbo und IMVU. Als Bezahlmodelle wurden unter anderem genannt: Paid Content, Usernamen-Wunsch oder -Wechsel, Umfragen und gewisse Fundraising-Ideen. Demnächst im community camp Wiki nachzulesen! Danke Oliver für eine sehr aufschlussreiche Session, die leider – wie der twitterstream bezeugt – etwas überlagert war von naheliegenden Fragen zur Abendplanung und Hungergefühlen. Einen guten Vortrag über Monetarisierungsmodelle hielt übrigens auch Maria Sipka (Linqia) auf dem Community & Marketing 2.0 SUMMIT in Hamburg (download nur für Teilnehmer, den pre-conf-livechat habe ich hier zusammen gefasst).

SENSEO war einer der Sponsoren (nach unten scrollen) und hatte sich mit Lukas‘ Hilfe was feines ausgedacht: twittern und gewinnen! 95 tweets mit den tags #senseo und #ccb09 kamen auf diese Weise zustande. Ob das Senseo nun geholfen hat, weiß ich nicht. Die Aktion schien unter den Teilenehmern ganz gut anzukommen; obwohl sich für mich das twittern „im Auftrag“ merkwürdig angefühlt hat, hatte ich trotzdem Spaß dabei.

Einen hervorragenden Start in den Abend hatten wir im Restaurant Masala.

Oben Leben, unterm Tisch originalverpackt immer dabei: Die innovative Klobürste von tchibo-ideas.de (nicht im Bild) - André Albrecht (re.) stellte die Ergebnisse von tchibo-ideas.de auf dem community camp vor

Abschluss des ersten Tages

Warum nun ausgerechnet eine Klobürste als eines der ersten Produkte von tchiboideas umgesetzt wurde, habe ich André nicht gefragt. Fakt ist, mit dieser Klobürste (in einer Tüte) sind wir den halben Abend durch Charlottenburg gestiefelt  – André kam vor dem Essen nicht dazu, die Sachen im Hotel zu lassen. Aber nicht nur, weil es lustig klingt, habe ich diesen Titel für diesen Beitrag gewählt. Ein Barcamp ist schließlich eine „Un“-Konferenz, und das Bild „mit Klobürste durch Charlottenburg“ steht genau dafür: sich locker und eben menschlich auszutauschen. Bei einer klassischen Konferenz wäre die Vorstellung, mit einer Klobürste zum Abendessen zu gehen, irgendwie absurd. Hier hat’s gepasst.

Was meint Ihr? Habe ich was vergessen? Den 2. Tag blogge ich später – der war fast noch besser (Qualitätssonntag).

4 Gedanken zu “Mit der Klobürste durch Charlottenburg

  1. Pingback: dagger.twoday.net

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