Ausgerechnet bei „Freiheit statt Angst“-Demo: Polizisten prügeln Bürger

(mit update vom 13.09.2009 am Ende)

Ich bin geschockt – sieht so aus, als hätte es wirklich jedem passieren können. Ungeachtet dessen, was der Mann im blauen Shirt zu den Polizisten gesagt haben könnte – es wird berichtet, er habe angekündigt, einen Polizisten anzuzeigen – ist eine solche gewaltsame Antwort völlig unverhältnismäßig.

Entsprechend macht diese Szene bereits seit Stunden im Netz die Runde.

Youtube

Das Video wurde mehrfach in youtube eingestellt, z.B.  hier und hier, außerdem bei vimeo und zum download. Offenbar scheinen die Uploader eine Sperre des Videos bei youtube zu befürchten. Selbst wenn es dazu käme (eine über-18-Sperre ist bereits gesetzt), so zeigt sich wieder einmal, dass eine Information im Netz quasi nicht mehr kontrollierbar ist. Und das ist gut so.

Twitter

Auch auf der Microblogging-Plattform twitter überschlagen sich in den letzten Stunden Hinweise auf das Gewaltvideo, begleitet von empörten Kommentaren und der Bitte um Verbreitung. Auch Zeugen werden über twitter gesucht:

RT @erdgeist: #fsa09 Zeugen fuer den Polizeiuebergriff melden sich bitte bei mail@ccc.de (13.09.2009 02:13)

fsa09-werkenntdiesenkerl

fsa09-twitter

Ein Querschnitt der letzten Tweets:

Hab mir grad runtergeladen und etliche Male angeschaut. Kann keinen Grund für die #Eskalation erkennen #fsa09 #Polizeiuebergriff (13.09.2009 02:13)

RT: @tauss: Ungeachtet mögl. Vorverlauf: solche Szenen sind INAKZEPTABEL: Umgang mit Demonteilnehmer http://bit.ly/15yrxP #fsa09 (13.09.2009 01:39)

„Wir sind friedlich, was seid ihr?“ #fsa09 Wenn das #Volk zum #Gegenschlag ausholt. (13.09.2009 01:39)

@francisdrake1 Das Video wird noch Wellen schlagen. Is ja jetzt nicht so, dass da schon außenrum Autos gebrannt haben… #FSA09 (13.09.2009 01:39)

allerdings war die Demo ansonsten echt mehr als friedlich und die Bullen hatten auch ein entspannten Eindruck gemacht #fsa09 (13.09.2009 01:38)

RT @fibbi: und wenn uns erst die bundeswehr auf demos losgelassen werden… #fsa09 #demo #fsa #polizeiwillkür (13.09.2009 01:38)

Weil die gewaltbereite Protestaria heute in Hamburg weilt, sind grünweißen Exkalationstrups ins medial offene Messer gelaufen #FSA09 #CCC (13.09.2009 01:38)

Peter Piksa gibt auf seinem Blog Instruktionen und Tipps, wie die Meldung weiter zu tragen sei, vor allem an die „großen“ Medien, die – mit Ausnahme der taz – hier mal wieder (sic!) hinterherhinken.

Mein Vorschlag: Die Pressestellen twittern mitlerweile fast alle. Recherchiert deren Accounts und postet etwas in der Form:

Bitte zur Kenntnis nehmen: http://bit.ly/HX9tR Polizeigewalt bei der #FSA09 • @WA_online @rheinzeitung @Abendzeitung @spiegel_eil

Update: Ferner macht es Sinn regelmäßig folgendes zu twittern: • Zeugen fuer den Polizeiuebergriff melden sich bitte bei mail@ccc.de (via @erdgeist)

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Update:

tweet für internationale Medien

PLEASE take notice: @msnbc @nytimes @foxnews @usatoday @bbc #German #Police #brutality #fsa09 http://bit.ly/15yrxP (via @stpauli)

tweet für nationale Medien

Polizeigewalt bei #FSA09 Video: http://bit.ly/VJA6U @WA_online @rheinzeitung @Abendzeitung @spiegel_eil @bmonline @tagesschau @FAZ_Topnews

Sammelstelle für Beweise (wiki)

Fahndungsaufruf

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Und die sogenannten „Medien“?

Die offizielle Lesart ignoriert diesen Vorfall derzeit, etwa bei tagesschau.de

„Freiheit statt Angst“ Tausende Menschen haben in Berlin für mehr Datenschutz und weniger Überwachung demonstriert. Datenschutzbeauftragte und Menschenrechtler warfen der Bundesregierung unter anderem Überwachungswahn vor und forderten mehr Datenschutz ein. Aufgerufen zu den Protesten unter dem Motto „Freiheit statt Angst – Stoppt den Überwachungswahn“ hatte der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. Unterstützt wurde er von Parteien, Gewerkschaften, Berufsverbänden sowie Attac und dem Chaos Computer Club. Die Veranstalter sprachen von 25.000 Teilnehmern, die Polizei von etwa 10.000.

Einzig die taz bringt das Thema auf die Homepage:

Video zeigt Polizei-Attacke

Zehntausende Menschen protestieren in Berlin weitgehend friedlich gegen Überwachungsmaßnahmen. Das Video eines Bloggers zeigt allerdings eine brutale Polizeiattacke

fsa09-taz

Beim SPIEGEL läuft das Thema noch unter „netzwelt“  als „Love-Parade für Bürgerrechte“ mit Fotos von aufblasbaren Piratenschiffchen. Der twitter-account @spiegel_eil hat sich offenbar zeitig ins Wochenende verabschiedet: der letzte tweet ist vom 10. September, 8:14.

fsa09_spiegeleil

fsa09-spiegel

Blogs, Fotos, Kommentare

Eine Chronik und weitere Links auf dem Blog von Felix von Leitner: Fefes Blog

Hier ein Liveblog von der Demo

Fotos bei flickr und picasa und wiki

UPDATE: Diskussion im Polizeiboard copzone (deutsch)

Pressemitteilung auf netzwelt.org, dort gibts auch Kommentare von Teilnehmern, u.a. darüber, dass die Demo stellenweise übermäßig von politischen Gruppierungen vereinnahmt war.

Ebenso wie auf dem lawblog, auf dem ich noch diesen Kommentar erwähnenswert finde:

André (Link) meint: (13.9.2009 um 00:18)

Irgendwie ist es ja doch wieder Ironie des Schicksals: Diejenigen, die sich per Demo u.a. gegen öffentliche Videoüberwachung wehren, profitieren nun von einem eher heimlich aufgenommenen Video. Und während die anderen noch gegen staatliche Überwachung demonstrieren, umstellen alle anderen den Schauplatz und starten ihre Handykameras.

Vielleicht denkt so vielleicht der ein oder andere mal darüber nach, ob es nicht gewisse öffentliche Situationen gibt, in denen eine Kamera (im hoffentlich seltenen „worst case“) allen Beteiligten eine Hilfe sein könnte bzw. zumindest den Beteiligten, die sich im Recht befinden.

Und für diejenigen, die jetzt fragen, was das mit Markenbildung zu tun hat?

Erstens: jetzt über Marken zu schreiben wäre wie Brechts „Gespräch über Bäume“

Zweitens: der aktuelle Vorfall zeigt mal wieder die Schnelligkeit und Power, mit der Nachrichten im Internet verbreitet werden können – und auch, dass sich die „klassischen“ Medien, also Print & TV, nur einen zeitgemäßen Anstrich geben, wenn sie twittern – bitteschön aber nur bis Freitag 18 Uhr, wie im Falle des Twitter-Accounts @SPIEGEL_EIL. Ausnahme ist die taz, die auch Samstags abends noch im Netz aktiv ist.

Drittens: Markenbildung hat mit Vertrauen zu tun – und genau darum geht es hier. Oder?

Update 13.09. Die Polizei hat eine Offizielle Erklärung abgegeben:

… Die Beamten erteilten ihm schließlich einen Platzverweis. Nachdem auch dieser wiederholt ausgesprochen worden war und der Mann keine Anstalten machte, dem nachzukommen, nahmen ihn die Polizisten fest. Hierbei griff ein Unbekannter in das Geschehen ein und versuchte, den Festgenommenen zu befreien, was die Beamten mittels einfacher körperlicher Gewalt verhinderten. Der Unbekannte entfernte sich anschließend vom Tatort. Der 37-Jährige erlitt bei seiner Festnahme Verletzungen im Gesicht und kam zur Behandlung in ein Krankenhaus.

Die Vorgehensweise der an der Festnahme beteiligten Beamten einer Einsatzhundertschaft, die auch in einer im Internet verbreiteten Videosequenz erkennbar ist, hat die Polizei veranlasst, ein Strafverfahren wegen Körperverletzung im Amt einzuleiten. Das Ermittlungsverfahren wird durch das zuständige Fachdezernat beim Landeskriminalamt mit Vorrang geführt.

Sollte sich die Erklärung auf den Mann im blauen T-Shirt beziehen, so war das Gegenteil der Fall, wie man auf dem Video sieht. Er war dabei, sich zu entfernen, und wurde von mehreren Polizisten brutal zurückgeholt.

Der SPIEGEL hat inzwischen berichtet und das Video verlinkt: Faustschlag ins Gesicht – ebenso der Tagesspiegel und spricht von „Übergriffen seitens der Polizei auf Demonstranten“. Es wurde Strafanzeige erstattet

Und es ist noch ein Bild von der Verhaftung aufgetaucht (via fefes blog)

6 Gedanken zu “Ausgerechnet bei „Freiheit statt Angst“-Demo: Polizisten prügeln Bürger

  1. fjef schreibt:

    Der Kommentar von André geht knallhart am Thema vorbei… es wird gegen den präventiven Überwachungsstaat demonstriert. Es ist offensichtlich unnötig vom Staat überwacht zu werden, da bereits genug Privatpersonen über eine Kamera verfügen die eher zur Stelle sind, und gerade bei staatlicher Gewalt wohl wesentlich neutraler sind. Glaubt hier einer, eine staatliche (öffentliche Kamera) hätte hier für Aufklärung gesorgt? Solche Bilder wären GARANTIERT NIEMALS an die Öffentlichkeit geraten!

  2. Vesna Gudlin schreibt:

    @fjef
    Eine hochinteressante Diskussion.
    Ich kann nicht sagen, ob solche Bilder, wären sie von einer öffentlichen Kamera gemacht worden, niemals an die Öffentlichkeit gekommen wären. Vielleicht wären sie es doch. Sicher ist der Druck durch das Privatvideo im Internet viel schneller gewachsen.
    Aber: gefilmt ist gefilmt; Andrés Kommentar zielt darauf ab, dass man jederzeit und überall damit rechnen muss, gefilmt und im inet veröffentlicht zu werden. Das ist eine „anarchische“, oder wenn man so will, demokratische Form von Überwachung. Aus Prinzip nicht zu vergleichen mit der staatlichen.
    Dennoch, die Methode – überall und jederzeit filmen als Beweis – ist die gleiche. Und Du hast auch bei Privatvideos keine Kontrolle darüber, was damit passiert.

  3. Micha schreibt:

    Traurig wenn solch assoziale Polizisten wie hier aufgezeigt unsere staatliche Grundordnung beschmutzen.Hoffe nur das soche Fälle schnellstens aufgeklärt werden .Es kann nicht sein das Proleten in dunkelgrün eine friedliche Veranstaltung derartig aufmischen und mit Schmutz behaften.

  4. feydbraybrook schreibt:

    Die Piratenpartei kann sich bei dem Polizisten bedanken, denn er hat ihrem Motto „Freiheit statt Angst“ im Zusammenhang mit dem Begriff des Überwachungsstaates zu einer ungeahnten Tiefe verholfen.

    Spannend: mehrere Versionen dieses Videos sind auf youtube bereits gesperrt oder eingeschränkt betrachtbar gemacht worden.

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